Orpheus ohne Lyra

vom 30.11.2011

Im Museum Gunzenhauser eröffnete die Ausstellung „Otto Dix in Chemnitz“

Seit Mitte November und bis zum 15. April 2012 ist in den Kunstsammlungen Chemnitz – Museum Gunzenhauser die Ausstellung „Otto Dix in Chemnitz“ zu sehen. Der Künstler, dessen Geburtstag sich 2011 zum 120. Mal jährte, hatte vielfältige Beziehungen zur Stadt, in der heute eine der größten Sammlungen seiner Werke beheimatet ist. Volker Tzschucke sprach darüber mit Thomas Bauer-Friedrich, Kurator der Ausstellung.

 

Herr Bauer-Friedrich, wann gab es den ersten Kontakt von Otto Dix mit Chemnitz?

Das fängt bereits 1917 an. Aus dem Feld heraus bemüht sich Dix, eine Ausstellung in Chemnitz zu organisieren. Daraus wird jedoch nichts. In den 1920er Jahren beginnt dann der erste Kunstsammlungs-Chef Friedrich Schreiber-Weigand, Dix-Werke für die grafische Sammlung anzukaufen.

Später werden dann andere Chemnitzer auf Dix aufmerksam…

In der Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ waren elf Dix-Bilder vertreten. Chemnitz war um den Jahreswechsel 1925/26 nach Mannheim und Dresden der dritte Ausstellungsort –hier müssen die Chemnitzer auf ihn aufmerksam geworden sein,  vor allem der Kinderarzt Köhler und der Unternehmer Fritz Niescher. Bei Köhlers wohnte Dix zwischen 1933 und 1941 regelmäßig, wenn er in Chemnitz ist, zeitweise hatte er in Köhlers Haus im heutigen Stadtteil Schönau auch ein Atelier.

Wer war dieser  Niescher?

Er war ein Chemnitzer Margarinefabrikant. Sein Vater hatte das Unternehmen gegründet, später führte Fritz Niescher es gemeinsam mit dem Bruder weiter, die Firma hatte etwa 100 Mitarbeiter. Fritz Niescher war ein sehr konzentrierter Kunst-Käufer, der sehr gezielt eine Sammlung aufgebaut hat. Er konzentrierte sich auf Silberstift-Zeichnungen.

Wie kam der Kontakt zu Dix zustande?

Das ging sehr sachlich vonstatten in den frühen 1930er Jahren – Niescher fragte förmlich nach der Möglichkeit eines Atelierbesuchs an, als Dix noch Professor in Dresden war. Erst später entwickelte sich daraus eine Freundschaft, die bis weit nach dem zweiten Weltkrieg anhielt.

Dazwischen lagen die Jahre des Nationalsozialismus. Welche Rolle spielte Niescher da?

Nach der Machtübernahme war Dix einer der verfemten Künstler: Er verlor seine Professur, durfte nicht mehr ausgestellt werden. Er pendelte dann vom Bodensee nach Dresden und Chemnitz. Köhler und Niescher trugen entscheidend zum Lebensunterhalt bei mit Aufträgen und Ankäufen. Dix zeichnete Porträts von den Familien und 1938 gestaltete er den Gartenpavillon für die Villa, die sich Niescher 1935 am Goetheplatz gekauft hatte.  

Die bei den Bombenangriffen auf Chemnitz zerstört wurde…

Ja, das ist sehr bedauerlich. Nach allem, was wir wissen, gestaltete Niescher seine Villa und den Pavillon als Gesamtkunstwerk mit jeweils einem Christophorus- und Antonius-Bild und im Pavillon mit dem Orpheus. Die künstlerische Ausstattung der Villa, Pavillon und Nieschers Sammlung bildeten ein großes Ganzes. Mit dem Pavillon wurde auch eines von nur drei bekannten Wandbildern von Dix zerstört.

Trotzdem ist in der Ausstellung „Otto Dix in Chemnitz“ ein Pavillon zu sehen?

Wir haben den Pavillon rekonstruiert – soweit es möglich war. Das Bild ist auf Basis der erhalten gebliebenen Kartons, der Vorarbeiten, aufgezeichnet, ohne spekulativ zu sein: Da wir nichts über die Farbgestaltung wissen, gibt es auch nur eine Schwarz-Weiß-Zeichnung. Aber die Dimensionen des Bildes sind erkennbar und auch die wichtigen Bildelemente: die Tiergruppen, wo wir wissen, dass Dix für entsprechende Studien extra im Dresdener Zoo war, und der Orpheus, der hier ohne seine Lyra auskommen muss: ein Symbol für den Künstler, der seines wichtigsten Instruments beraubt ist. Als das Wandbild geschaffen wurde, fand auch gerade die Ausstellung „Entartete Kunst“ statt mit Werken von Dix. Wir dürfen deshalb davon ausgehen, dass Dix hier sein eigenes Künstlerdasein in der Zeit des Nationalsozialismus reflektiert hat.  Dies zu zeigen, war uns wichtig.

Herr Bauer-Friedrich, wir danken für das Gespräch.


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