Ein wandelbarer „Ostflügel“

vom 01.11.2011

Seit Anfang der Spielzeit hat das Schauspiel Chemnitz eine neue Spielstätte – den „Ostflügel“. Der neu eingerichtete Bühnenraum glänzt durch zeitgenössische Dramatik und Flexibilität in der Einrichtung, wie die ersten Premieren zeigten.

Ein großes Wasserbecken im einen Stück, ein Raum ohne Bühne, dafür mit lose im Raum verteilten Sitzgruppen für die Zuschauer – die bisherigen zwei „Ostflügel“-Premieren der aktuellen Spielzeit führen vor, was dieser Raum zu bieten hat: eine Spielfläche für aktuelles Theater.

Mit beiden Stücken hat es sich das Schauspiel Chemnitz nicht eben leicht gemacht: „Illusionen“ stammt von Iwan Wyrypajew, einem der gefragtesten russischen Dramatiker der Gegenwart im „Ostflügel“ kann man die Uraufführung erleben. Vier ältere Damen und Herren kurz vor dem Tod resümieren hier ihr Leben, das sie mit- und gegeneinander geführt haben. Es waren vier Leben voller verpasster Gelegenheiten und Illusionen von Liebe und Glück. Erzählt wird dies von vier Schauspielern, die zwischen dem Publikum umher wandeln. Dies schafft besondere Nähe zwischen dem Zuschauer und den dargestellten Personen. Doch zugleich entsteht Distanz durch die Rollenwechsel, die die Darsteller stetig vornehmen. So gebiert die Inszenierung von Regisseur Dieter Boyer, der zuletzt in Chemnitz „Wolken.Heim“ auf die Bühne gebracht hat, ein Spannungsverhältnis, das den hier verhandelten großen Themen vollauf gerecht wird und doch ein beruhigendes Gefühl gibt: Man darf der Liebe und dem Tod durchaus auch mit Gelassenheit begegnen.

Was technisch auch auf kleinem Raum möglich ist, zeigt die zweite Inszenierung, die im „Ostflügel“ Premiere hatte: „Im Wald ist man nicht verabredet“ ist ein Drei-Personen-Stück von Anne Nather in deutscher Erstaufführung. Regisseurin Alexandra Wilke stellt einen kleinen Waldteich in den Mittelpunkt ihrer Inszenierung. Ein großes Wasserbassin, das für jede Aufführung neu befüllt werden muss, ist die Bühne, auf der die drei jungen Hauptfiguren ihre Gefühle ausleben und sich im wahrsten Sinne nassmachen. Es wirkt wie ein Gegenstück zu „Illusionen“ – auch hier geht es um Liebe und Tod (und nebenbei auch noch um die dauerhafte Unfertigkeit von Kunst), doch gelassen ist hier niemand: Jugendlicher Überschwang in Freude und Schmerz regiert, die Szenen wirkten gelegentlich Videoclip-artig aneinander geschnitten – und doch ist es dank großartig talentierter junger Darsteller ein aufregender Theaterabend.

So darf man der neuen Spielstätte „Ostflügel“ insgesamt einen sehr verheißungsvollen Start bescheinigen – er macht Lust auf mehr zeitgenössisches Theater im flexiblen Raum.

 Die nächsten Vorstellungen:

„Illussionen“ am 6., 18. und 29. November

„Im Wald ist man nicht verabredet“

am 12., 20. und 25. November

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